Kopfweh vom Nacken: Spannungskopfschmerz gezielt behandeln mit Physiotherapie
Es beginnt oft harmlos. Der Nacken fühlt sich steif an, und im Laufe des Tages zieht ein dumpfer Druck bis in den Hinterkopf oder zu den Schläfen. Viele kennen das. Die gute Nachricht: Für diese Beschwerden gibt es gute Behandlungsmöglichkeiten. Entscheidend ist, zuerst herauszufinden, welche Art von Kopfschmerz du hast. Wir zeigen dir, welche Kopfschmerztypen es gibt, wie wir sie in der Physiotherapie unterscheiden und was dir beim Spannungskopfschmerz helfen kann.
Welche Kopfschmerzarten gibt es?
Fachleute teilen Kopfschmerzen nach der internationalen Klassifikation der Kopfschmerzgesellschaft (ICHD-3) in zwei grosse Gruppen ein.
Primäre Kopfschmerzen sind eigenständige Erkrankungen. Dazu gehören:
- Spannungskopfschmerz: die häufigste Form. Meist beidseitig, drückend oder ziehend, «wie ein Band um den Kopf». Leicht bis mittelstark, Bewegung verschlimmert ihn in der Regel nicht.
- Migräne: oft einseitig, pulsierend und mittel bis stark. Häufig mit Übelkeit, Licht- oder Lärmempfindlichkeit, manchmal mit einer Aura (zum Beispiel Sehstörungen).
- Clusterkopfschmerz: selten, sehr heftig, einseitig um das Auge, in Attacken gehäuft.
Sekundäre Kopfschmerzen haben eine andere Ursache. Für die Physiotherapie sind vor allem diese wichtig:
- Zervikogener Kopfschmerz: Er geht von der Halswirbelsäule aus und strahlt in den Kopf. Typisch ist ein einseitiger Schmerz, der sich durch bestimmte Nackenbewegungen oder Haltungen auslösen lässt.
- Kopfschmerz bei Kiefergelenksbeschwerden (CMD): Zähneknirschen oder -pressen belastet Kiefergelenk und Kaumuskeln. Das kann Kopfschmerzen auslösen oder verstärken.
- Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerzmitteln: Wer sehr häufig Schmerzmittel nimmt, kann dadurch selbst Kopfschmerzen auslösen.
Die Typen überschneiden sich oft. Viele Menschen mit Migräne haben auch Nackenschmerzen, und ein Spannungskopfschmerz kann zusammen mit einer Migräne auftreten.
In diesem Beitrag geht es um den Spannungskopfschmerz, bei dem Nacken und Muskulatur häufig eine wichtige Rolle spielen.
Die Befundung: das klinische Muster finden
Nackenschmerzen bei Kopfschmerzen bedeuten nicht automatisch, dass der Nacken die Ursache ist. Darum steht bei uns am Anfang eine sorgfältige Untersuchung, die Befundung. Ziel ist, zwischen den Kopfschmerztypen zu unterscheiden und dein persönliches klinisches Muster zu erkennen. Damit ist das typische Zusammenspiel aus Beschwerden, Auslösern und Untersuchungsbefunden gemeint.
Dimo Ivanov: «Kopfschmerz ist nicht gleich Kopfschmerz. Je genauer wir in der Untersuchung unterscheiden, welches Muster hinter den Beschwerden steckt, desto gezielter können wir behandeln. Und desto weniger Umwege braucht die Therapie.»
Ein internationales Expertengremium um die Physiotherapeutin und Forscherin Kerstin Lüdtke hat festgelegt, welche Tests sich bei Kopfschmerzen besonders bewähren. Dazu gehören zum Beispiel:
- das Abtasten der oberen Halswirbelgelenke
- ein Test für die tiefen Nackenbeuger
- ein Drehtest der oberen Halswirbelsäule
- die Beurteilung der Kopfhaltung
- das Abtasten von Triggerpunkten
- die Frage, ob sich dein vertrauter Kopfschmerz durch Druck auf den Nacken auslösen und wieder lindern lässt
Zusätzlich schauen wir uns an, wie gut du deinen Nacken bei Alltagsbewegungen kontrollierst. Der Schweizer Physiotherapieforscher Hannu Luomajoki hat solche Bewegungskontrolltests für die Halswirbelsäule untersucht. Sie lassen sich zuverlässig durchführen, und Menschen mit Nackenschmerzen zeigen dabei mehr Auffälligkeiten als Menschen ohne Beschwerden.
Aus dem Gespräch, dem Kopfschmerztagebuch (mehr dazu unten) und diesen Tests ergibt sich ein Bild. Erst dann entscheiden wir gemeinsam, welche Behandlung für dich sinnvoll ist.
Muskuläres Ungleichgewicht im Nacken
Bei vielen Menschen mit Nackenverspannungen finden wir ein typisches Ungleichgewicht. Die Nackenstrecker am Hinterkopf sind oft verkürzt und angespannt. Die tiefen Nackenbeuger an der Vorderseite der Halswirbelsäule sind dagegen häufig verlängert und abgeschwächt. Diese Muskeln stabilisieren die Halswirbelsäule von innen. Studien zeigen, dass Menschen mit Spannungskopfschmerz im Test für diese tiefen Nackenbeuger oft schlechter abschneiden.
Besonders deutlich wird das bei vorgeschobener Kopfhaltung, etwa am Bildschirm oder am Handy. Der Kopf wandert nach vorne, die Nackenstrecker müssen dauernd halten, die tiefen Beuger arbeiten zu wenig. Wichtig ist: Beide Seiten müssen angegangen werden. Nur dehnen reicht meist nicht, nur kräftigen auch nicht.
Was dir helfen kann
- Tiefe Nackenbeuger aktivieren. Mit einem sanften «Ja-Nicken» des Kopfes lernst du, die tiefen Nackenbeuger gezielt anzusteuern. Wir steigern die Übung Schritt für Schritt, bis du die Spannung länger halten kannst.
- Nackenstrecker entspannen. Mit Manueller Therapie mobilisieren wir die oberen Halswirbelgelenke und lösen die verkürzte Muskulatur am Hinterkopf. Ergänzend zeigen wir dir Dehnübungen, die du zuhause machen kannst.
- Bewegungskontrolle trainieren. Du übst, deinen Nacken bei alltäglichen Bewegungen ruhig und kontrolliert zu halten, zum Beispiel beim Vorbeugen oder beim Heben der Arme.
- Schultern und Schulterblätter kräftigen. In der medizinischen Trainingstherapie (MTT) baust du Kraft im Schultergürtel und zwischen den Schulterblättern auf. Das kann deinen Nacken entlasten. Ausdauer zählt: Die Übungen wirken am besten, wenn du sie über längere Zeit machst.
- Triggerpunkttherapie und Dry Needling. Verspannte Muskelpunkte behandeln wir mit Druck oder beim Dry Needling mit einer sehr feinen Nadel. Du spürst dabei meist nur ein kurzes Ziehen oder Zucken. Viele Menschen mit Spannungskopfschmerz profitieren davon, als Ergänzung zu den Übungen, nicht als alleinige Lösung.
- Kiefer mituntersuchen. Gibt es Hinweise auf Kieferbeschwerden, schauen wir auch dort hin und prüfen mit dir, ob eine Kieferbehandlung sinnvoll ist.
Das Kopfschmerztagebuch: dein wichtigstes Werkzeug
Ein Kopfschmerztagebuch hilft uns, die Kopfschmerztypen zu unterscheiden, und dir hilft es im Alltag. Auch die britische Leitlinie zu Kopfschmerzen empfiehlt es. Der Grund: Im Nachhinein schätzen wir unsere Kopfschmerzen oft falsch ein. In einer amerikanischen Studie notierten Menschen mit Migräne ihre Kopfschmerzen täglich in einem Tagebuch und füllten zusätzlich alle vier Wochen einen Fragebogen aus. Im Tagebuch kamen sie im Schnitt auf 13.7 Kopfschmerztage pro vier Wochen, im Fragebogen nur auf 11.1. Vor allem kürzere Kopfschmerzen gingen in der Erinnerung verloren.
Am besten beginnst du schon vor dem ersten Termin und führst das Tagebuch mindestens vier Wochen lang. Notiere jeden Tag:
- ob du Kopfschmerzen hattest, wann sie begannen und wie lange sie dauerten
- wo der Schmerz sass (einseitig, beidseitig, Nacken, Stirn, Schläfen)
- wie stark er war, auf einer Skala von 0 bis 10
- wie er sich anfühlte (drückend, pulsierend, stechend)
- Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Licht- oder Lärmempfindlichkeit
- mögliche Auslöser: Bildschirmarbeit, Stress, Schlaf, Kieferpressen, Mahlzeiten
- welche Schmerzmittel du genommen hast und wie viele
So erkennst du Muster, zum Beispiel ob dein Kopfschmerz nach langen Bürotagen kommt. Wir sehen, wie sich deine Beschwerden während der Therapie verändern. Und du behältst im Blick, wie oft du Schmerzmittel nimmst.
Vorlagen zum Starten:
- Auf Papier: Die Schweizerische Kopfwehgesellschaft bietet einen Kopfweh-Kalender für Patientinnen und Patienten zum Ausdrucken an.
- Auf dem Smartphone: Die Apotheken Umschau stellt einen kostenlosen Kopfschmerzkalender fürs Smartphone vor.
Bring dein Tagebuch einfach zum ersten Termin mit.
Wann du zuerst zur Ärztin oder zum Arzt gehen solltest
Bei plötzlichen, sehr starken oder ungewohnten Kopfschmerzen, bei Fieber, Sehstörungen, Sprachstörungen oder Taubheitsgefühlen lass dich bitte zuerst ärztlich abklären.
Wir begleiten dich
Gemeinsam finden wir heraus, was hinter deinen Kopfschmerzen steckt, und erarbeiten einen Weg, der zu dir passt. Unser Ziel: weniger Beschwerden und mehr Lebensqualität im Alltag. Du buchst online über die Website oder telefonisch an einem unserer fünf Standorte. Wir freuen uns auf dich.
Geschrieben mit fachlicher Begleitung von Dimo Ivanov, Stv. Gesamtleitung Physioline und Standortleitung Binz und Dübendorf.
MSc ZFH in muskuloskeletaler Physiotherapie und OMT svomp®, mit Schwerpunkten in Manueller Therapie, Dry Needling und Kiefergelenksdysfunktionen (CMD).
Verfasst von
Dimo Ivanov
Stv. Gesamtleitung / Standortleitung Binz / Stv. Standortleitung Dübendorf / MSc ZFH muskuloskeletale Physiotherapie, OMT svomp®
MSc ZFH muskuloskeletale Physiotherapie OMT svomp® L5 bis Occiput – Advanced Spinal Adjusting, E. Muntinga Motivational Interviewing Quest® Modern Orthopedic Manual Therapy of the Spine, Dr. C. Cook Dry Needling Top 30 DN, DGSA CMD aix – Dysfunktionen am Kiefergelenk, E. Trame Ausbildung zur Schmerztherapie nach Liebscher & Bracht
Zum ProfilQuellen
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- Schweizerische Kopfwehgesellschaft: Kopfweh-Kalender für Patientinnen und Patienten. https://www.headache.ch/fuer-patientinnen/kopfwehkalender
- Apotheken Umschau: Kostenloser Kopfschmerzkalender fürs Smartphone. https://www.apotheken-umschau.de/e-health/kostenloser-kopfschmerzkalender-fuers-smartphone-864507.html
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